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Talker-Ansteuerung mit der Kopfmaus (Tobii C12 mit CDot)

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Mit großer Motivation erlernte Isabella, sich anhand von Fotos oder Symbolen die entsprechenden Spielsachen oder Tätigkeiten auszusuchen. Aber  Symbolkarten allein sprechen halt nicht und Symboltafeln boten irgendwann zu wenig Auswahl. So entschieden wir uns 2007 für ihren ersten Talker, damals den MightyMo von Dynavox. Mithilfe eines Fingerführrasters konnte sie die Felder des Touch-Displays gut bedienen (bei einer Rastergröße von bis zu 3x4 Feldern). Eine Kindergartenreundin kommentierte: „Endlich kann  Isabella auch selber vom Wochenende erzählen - und wir hören sie!“. Isabella eröffnen sich neue Möglichkeiten: sie bekommt eine Stimme.

Doch im Alter von ca. 6 Jahren (2010) wurden die für das Rett-Syndrom typischen Handstereotypien (zwanghafte Handbewegungen in Brust- oder Mundhöhe) immer mehr, so dass das Auslösen des Talkers für sie immer frustrierender wurde. Auch die technischen Möglichkeiten des Gerätes waren ausgeschöpft. Wir mussten eine Alternative zur Handauswahl finden.


Die erste Überlegung war natürlich eine Augensteuerung, die in der Regel auch bei Brillenträgern funktioniert. Isabella war sehr motiviert und verstand das Prinzip schnell, doch leider kam die Augensteuerung mit ihrer Bifokalbrille (ähnlich einer Gleitsichtbrille) nicht zurecht. Auch eine normale Brille vom Optiker konnte das Problem nicht lösen, denn die war für Isabella nicht akzeptabel (schnapp und runter).

Plan B - die Kopfsteuerung

Also probierten wir mit ihr die Kopfsteuerung aus. Dabei wird auf einem Talker eine Art Kamera befestigt. Diese Kamera sendet Infrarot-Licht aus. Isabella trägt auf ihrer Stirn einen Reflektor-Punkt, der dieses Licht reflektiert und die Kamera verarbeitet dies wiederum in Mausbewegungen und somit kann Isabella den Mauszeiger steuern.

Wir verwenden für sie also nun einen handelsüblichen Tablet-PC mit dieser Kopfsteuerung (Head-Tracker-Pro) und eine spezielle Software, den tobii communicator (gleiche Software, die auch auf den tobii-Geräten vorinstalliert ist). Mithilfe dieser speziellen Software kann sie dann Symbole auslösen, die dann mit synthetischer Stimme wiedergegeben werden.

Durch das Auslösen der Symbole mit der Hand mussten die Tasten recht groß gehalten werden, damit das Isabella auch gelingt. Durch die Ansteuerung mit der Kopfmaus können die Tasten nun etwas kleiner sein, dadurch stehen pro Seite auch mehr Aussagen zur Verfügung.

Und nach einer entsprechenden Testphase entschieden wir uns für einen handelsüblichen Laptop mit drehbarem Display, der Software tobii Communicator, und der Kopfmaus Tracker PRO.

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Während der Umstellung auf die Kopfsteuerung haben wir die Symbolseiten des MightyMo im Communicator nachgebaut. Somit konnte sie sich gut orientieren und brauchte sich nur auf die Einübung der Kopfmaus zu konzentrieren. Nach und nach haben wir die Seiten dann umgestaltet und erweitert. Auch auf das wichtige Thema Kern- und Randvokabular haben wir hier erstmals sehr großen Wert gelegt.

Durch die sehr intuitiv zu bedienende Software tobii communicator war das relativ einfach möglich, doch hier zeigte sich erst, wie umfangreich Isabellas Talkerstruktur in den letzten Jahren geworden war. Und im Alltag zeigte sich auch schnell, wie kommunikativ unsere inzwischen siebenjährige Tochter geworden war: Die Menge an Aussagen wuchs stetig weiter.

Isabella hat die vielen neuen Seiten gut akzeptiert und setzt sie sehr zielgerichtet ein. Anfangs wurde der Kopfsteuerungs-Talker vorwiegend daheim eingesetzt - am liebsten während der Essenszeiten. Sie ging aber oftmals zum Talker hin und deutete so an, dass sie nun mit uns quatschten möchte, was wir ihr natürlich immer ermöglichen.

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Folgende Situation passierte im August 2010 (Isabella kommunizierte seit drei Monaten mit der Kopfsteuerung): Ihr Papa bricht Samstagmorgen zu einer Motorradtour für das Wochenende auf. In den Minuten nach seiner Verabschiedung sucht sich Isabella folgende Aussagen auf ihrem Talker zusammen: „Wochenende - keine Ahnung - machen - (Familie) - Papa - lieb - machen - lieb - weggehen“.

Gerade Begebenheiten wie diese zeigen uns täglich, wie wichtig es ist, dass Isabella eine Möglichkeit hat, nicht nur auf Fragen zu antworten, sondern vor allem auch sich selber und ihre Gedanken ins Gespräch einzubringen. Sie macht sich Sorgen darum, was Papa am Wochenende macht - sie hat ihn lieb - sie hat verstanden, dass er (für das Wochenende) weggegangen (bzw. weggefahren) ist... Eine ziemlich starke Leistung, für ein knapp siebenjähriges Rett-Mädchen, oder?

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Auch Christina (Isabellas Frühförderin für frühe Unterstützte Kommunikation des Zentrum Spattstrasse in Linz) hat spannende Ideen für an-„sprechende“ Situationen, wie hier zum Beispiel eine sehr gelungen Kombination aus quatschen und spielen:

Zu Isabellas 7. Geburtstag wurde gemeinsam eine Geburtstagstorte aus Knetmasse geknetet und mit Kerzen bestückt. Die musste sie erst mal mit dem Talker zählen. Anschließend wurden die Kerzen angezündet und Isabella durfte sie dann mit dem Powerlink und dem Haarfön ausblasen! Sie ist natürlich eine neugierige junge Dame und stellt dabei viele Fragen. Eine Sequenz davon ist auf youTube zu finden (Suchwort „Rett-Mädchen Isabella“).

Isabella kam im September 2010 in die Schule. Sie geht in das Integrative Schulzentrum Wels. Dort wird sie in einer sogenannten Klasse für Kinder mit Intensivbehinderung, d.h. sieben Kinder, zwei Lehrerinnen und einer Pflegehelferin, beschult. Alle Kinder werden in dieser Schule im Rahmen ihrer individuellen Möglichkeiten unterrichtet, d.h. Isabella hat in der ersten Klasse die Buchstaben M, A, I, und O gelernt, sowie die Zahlen 1 - 3. Sie geht sehr gerne und mit großer Begeisterung in die Schule, denn die Lehrerinnen versuchen wirklich, auf jedes Kind individuell einzugehen. Sie sind dabei sehr kreativ und offen für Neues. Auch hier findet der Talker seinen Einsatz, vor allem während der einzelbetreuten Lerneinheiten.

Natürlich wird auch andere Software zum Lernen eingesetzt. Mit der LifeTool Software CatchMe 2.0 spielt Isabella recht gerne und übt so mit der Kopfsteuerung umzugehen.  Damit können gleiche Buchstaben oder Zahlen gefangen werden. So macht Lernen Spaß! Das ist wichtig für eine Schulanfängerin.

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Im Laufe des Schuljahres 2010/11 hat Isabella immer wieder eindrucksvoll gezeigt, dass sie mit der Kopfsteuerung und der Software tobii communicator wirklich gut umgehen kann. Die meisten Symbole kennt sie ja schließlich auch schon seit ihren Anfängen mit Unterstützter Kommunikation. Diese Symbole begegnen ihr auch außerhalb des Talkers ganz oft im Tagesablauf daheim und in der Schule (Tagesplan, Wochenplan, Mitteilungsbuch, Auswahlsituationen, …).

Aber wir erkannten in diesem Jahr auch Folgendes: Kopfsteuerung und Software - JA, auf jeden Fall!
Laptop als kostengünstiger Talker - NEIN, … doch nicht so geeignet (kurze Akkulaufzeit, Lautsprecher mit wenig Leistung, fragile Befestigung der Kopfsteuerung am Display, wackelige USB-Verbindung, keine optimale Rollibefestigung, usw.).

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Und es kam uns der technische Fortschritt zur Hilfe - nämlich die Entwicklung des CDot Trackers - der Kopfsteuerung für die tobii-Geräte C8/C12/C15.
Das Gerät nutzt das gleiche Prinzip wie die externe Kopfsteuerung (Kamera und Reflektor-Punkt auf der Stirn), aber:

Der CDot Tracker ist in einem robustes Metallgehäuse verpackt und wird einfach über die gleiche Verbindung wie die Augensteuerung am Boden des tobii Sprachcomputers befestigt - sitzt-passt-hält-funktioniert! Durch den Einsatz des tobii C12 sind auch Akkulaufzeit, Lautsprecher und Rollihalterung kein Problem mehr - Isabellas Kommunikation wird richtig laut, ist unabhängig von der Steckdose und mobil!

Inzwischen ist Isabellas Kommunikationsoberfläche auf ein Raster mit 4x6 Feldern (und großem Mitteilungsfeld) angewachsen. Die Tasten „sprechen“, „Löschen“, „zurück“, „nein“, „schnelle Aussagen“, „ja“ und „Startseite“ finden sich auf jeder Seite. Wichtig ist für Isabella immer noch ein großer Abstand zwischen den Buttons oder auch leere Bereiche, um Fehl-Auslösungen zu vermeiden und so die Zielgenauigkeit zu erhöhen. Auch das Prinzip Kern- und Randvokabular und eine Farbkodierung der Wortarten erleichtern ihr das Navigieren durch das inzwischen sehr umfangreiche Seitenset.

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Über den Austausch mit anderen AnwenderInnen sind wir sehr froh und dankbar (insbesondere den tollen Familien und motivierten BetreuerInnen von anderen Rett-Mädchen, sowie den vielen unterschiedlichen Ideen der tobii-Seitenaustausch-Plattform www.PageSetCentral.com). Hier gibt es immer viel Interessantes zu entdecken und downzuloaden. Nicht alles ist geeignet, aber manches birgt zumindest gute Ideen oder ist individuell anpassbar, wie z.B. der Alphabet-Frosch, mit dem man Anlautübungen machen kann. Oder der Kartoffelkopf, der gerade genau zum aktuellen Thema in der Schule passt.

Momentan experimentiert Isabella auch recht gern mit den vorgefertigten Oberflächen von tobii: SonoPrimo (eher spielerische Inhalte für Kommunikationsanfänger, sehr einfach und motivierend für sie (siehe vorletztes Bild) und SonoFlex (Mischung aus Kernvokabular und individuellen Themenseiten. Das entspricht so circa ihrer momentanen Talkeroberfläche, die durch viele Veränderungen mit Isabella in den letzten beiden Jahren mitgewachsen ist).

Wir sind dankbar, dass wir unserer wissbegierigen Tochter so eine tolle Kommunikations-Möglichkeit bieten können. Aber wir sind auch ziemlich stolz auf Isabella, wie weit sie schon gekommen ist und sind gespannt, wohin sie ihre riesige Motivation noch führen wird - vielleicht ja sogar zum lesen und schreiben mit LiterAACy


Bild 08 kleinAnmerkung: In Österreich gibt es derzeit keinen Rechtsanspruch und daher keine ausreichende finanzielle Unterstützung der öffentlichen Hand für assistierende Technologien oder Kommunikationshilfen.

Ein herzlicher Dank gilt daher vor allem privaten und Firmenspendern, sowie Vereinen, Service-Clubs, Stiftungen, Funds oder Organisatoren von Benefiz-Aktionen, die durch ihre Spenden solche Lebenswerkzeuge für Isabella und viele andere Betroffene erst ermöglichen. DANKE!

Romana Malzer

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www.isabella-online.blogspot.com